Offener Bibelkreis

Nächste Termine (Treffen jeweils im Pfarrhof Hausen, Beginn: 20.00 Uhr):

  • 13. Dezember 2018
  • 17. Januar 2019

Gedanken zu 31. Sonntag B Die Frage des Schriftgelehrten nach dem „ersten Gebot": Mk 12,28-34

Zusammenhang

Nach den Pharisäern und Herodianern und nach den Sadduzäern wen­det sich nun ein einzelner Schriftgelehrter mit einer echten Frage an Jesus. Es gibt also auch einzelne Mitglieder des Hohen Rates, die ihm offen und wohlwollend begegnen.

  1. Auf dem Höhepunkt der öffentlichen Auseinandersetzung mit den religiös-politischen Führern des Volkes im Tempel zeigt sich ein Schrift­gelehrter beeindruckt, wie „treffend" Jesus mit seinen Gegnern argu­mentiert. Das motiviert ihn, auf Jesus zuzugehen und ihm die Grund­frage seines religiösen Suchens zu stellen: „Welches ist von allen das erste Gebot?" Er möchte von ihm wissen, ob man sagen kann, worin Gottes Wille im Wesentlichen besteht, was die Sinnmitte, das Herzstück der ganzen Tora ist. Jesus antwortet mit dem „Schema Israel" aus Dtn 6,4f

Das sog. Schema betet der gläubige Jude am Morgen und am Abend - bis auf den heutigen Tag. Auf diese Weise bringt er sich täglich das Evangelium des Gottesvolkes in Erinnerung, seine Befreiung aus der Knechtschaft und seine Berufung, anderen zum Segen zu werden. Isra­el kommt aus dem Segen Jahwes, es steht in seinem Segen und es soll allen, die mit ihm in Berührung kommen, ein Segen sein. Aus der Er­fahrung, dass Israel sich Jahwe ganz und gar verdankt, will das Haupt­gebot den Menschen zu jener Grundhaltung vor dem Geheimnis Gottes aufrufen, die das Alte Testament „Furcht Gottes" nennt, d.h. Gott mit Herz und Gemüt, mit allen Kräften des Geistes und der Seele zu lieben. Das ist das Entscheidende.


In diesem Hauptgebot wird die Vielgestaltigkeit der einzelnen Gebote auf ihre letzte Mitte und Einheit zurückgeführt. Von ihm her bekom­men sie erst ihren Sinn und ihr Gefalle. In diesem Gedenken erkannte der gläubige Jude die Totalität des göttlichen Anspruchs, zerbrach das Gesetz als Instrument, sich vor Gott zu sichern und ihm gegenüber ei­nen Anspruch zu erheben.

  1. Jesus ergänzt die Weisung aus dem Schema Israels noch mit einem Vers aus dem Buch Leviticus: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (Lev 19,18b). Ein anderes Gebot, so betont er, größer als dieses, gibt es nicht. Damit sagt Jesus, dass es einen Konflikt zwi­schen diesen beiden Geboten, zwischen Gottesliebe und Menschenlie­be nicht gibt. Die innere Evidenz, die Stimmigkeit des Erlebens ist das Kriterium für ihre Einheit und absolute Geltung - gegen alle Angst und gegen allen Widerstand. Es ist das Gebot des Lebens, das Israel lernte, als es aufbrach in die Freiheit, in das Land seiner Bestimmung. Es ist das Wichtigste, das wir im Leben lernen können: zu entdecken, wer wir selber sind, was die Wahrheit unseres Lebens ist und ihr mit aller Entschiedenheit und Hingabe treu zu bleiben.

Auf diese Weise können wir Gott mit allen unseren Kräften dienen und ihn verherr­lichen. Wir können als Menschen nur ganz werden in dem Maß, als wir zur Erfahrung und zum Bekenntnis der Einzigkeit Gottes finden. Allein von dieser ganzheitlichen Beziehung hängt die Einhaltung der „Gebote" ab, die ja nicht einfach durch Vorsatz und Anstrengung zu erfüllen sind. Selbstfindung und Gottfindung sind aus der Sicht Jesu eine Einheit.


Diese Parallelisierung gibt es zwar auch in jüdischen Schriften, aber erst durch das Verhalten Jesu, durch die innere Konsequenz seines Le­bens gewinnt sie ihre überzeugende Kraft.

  1. Die Zustimmung des Schriftgelehrten auf Jesu Antwort ist einzig­ artig in den Evangelien: „Gut, Meister, nach der Wahrheit hast du ge­sprochen: Einziger ist er, und einen anderen außer ihm gibt es nicht,und: ihn lieben aus ganzem Herzen und aus ganzem Verstand und aus ganzer Kraft und den Nächsten lieben wie sich selbst, ist weit
    mehr als Brandopfer und Schlachtopfer."

Auf dem Höhepunkt des Konflikts, als der Bruch zwischen Jesus und seinen Gegnern schon endgültig ist, bezeugt einer ihrer Theologen diesem Rabbi aus Nazareth, dass er mit der besten Tradition seines Volkes in Einklang steht. Dazu wird diese Feststellung noch auf dem Tempelplatz ausgesprochen, an der Stätte des Opfers. Markus lässt durchblicken, dass Jesus unschuldig in die Passion hineingehen wird.

  1. Jesus spürt, wie nah ihm dieser offene und suchende Mensch ist. „Du bist nicht fern von der Herrschaft Gottes." Das ist Lob und Einladung zugleich. Er fordert ihn auf, seiner Einsicht zu folgen und den Schritt von der Opfer- und Leistungsmentalität „in die Gottesherrschaft hin­ ein" zu tun. Die Frage des Schriftgelehrten kann eine Einladung sein, mich nach der Grundmotivation meines religiösen Strebens zu fragen?
    Die Schlussbemerkung, dass von jetzt an niemand mehr Jesus zu fra­gen wagte, unter-streicht noch einmal die Haltlosigkeit der gegneri­schen Position.

Gebet (Irische Segensgebet)

Möge Gott seine Botschaft
direkt in unser Herz schreiben,
segnen und leiten
und uns dann aussenden
als lebendige Buchstaben seines Wortes. Amen.

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