Offener Bibelkreis

Nächste Termine (Treffen jeweils im Pfarrhof Hausen, Beginn: 20.00 Uhr):

  • 09. Juli 2019
  • 17. September 2019

Gedanken zu Joh 14, 15–16.23b–26   Pfingsten C

Johannes spricht in seinem Evangelium nicht nur von der Liebe Jesu zu uns, sondern auch von unserer Liebe zu Je­sus. Christsein heißt also, Jesus zu lieben, eine persönli­che Beziehung zu Jesus aufzubauen. Dieses Thema ist ty­pisch johanneisch. Die Synoptiker und Paulus kennen es nicht. Die Verse 14,15-23 antworten uns auf die Frage, wie unsere Beziehung zu Jesus konkret aussehen kann. Jesus lieben, das heißt seine Gebote oder seine Worte hal­ten. Das griechische Wort »terein« bedeutet: bewahren, achten auf, beobachten, halten. Es hat auch den Sinn von meditieren, sorgfältig beobachten. Johannes lädt uns ein, über Jesus zu meditieren, uns in seinen Geist hinein zu spüren und dadurch zur Liebe fähig zu werden. Wer Jesus liebt, der lebt bewusster, der folgt dem Licht. Das wird sich auch in seiner Lebensweise auswirken. Das neue Ver­halten drückt sich im neuen Gebot aus, das Johannes nicht müde wird zu wiederholen: »Liebt einander!«

Jesu Gebot der Liebe ist nicht einfach eine moralische Forderung, die wir mit dem Willen erfüllen können. Es schickt uns vielmehr auf einen langen Entwicklungsweg, auf dem wir unseren tief verwurzelten Egozentrismus durchschauen und entmachten und dadurch in Berüh­rung kommen mit unserer wahren Mitte, aus der heraus die Liebe strömt. Das Ziel unseres Reifungsweges ist die Liebe. Jesus befähigt uns durch seine Worte und durch sein Beispiel zu dieser Liebe, die nicht nur uns, sondern auch die menschliche Gesellschaft mehr und mehr ver­wandelt.

Die Beziehung zu Jesus ist die Quelle unserer Liebe zu­einander. Damit wir in der persönlichen Beziehung zu Jesus bleiben können, sendet uns Jesus seinen Geist, den Paraklet. Nur bei Johannes wird der Heilige Geist mit »parakletos« bezeichnet. Parakletos ist der Fürsprecher, der Beistand bei Gericht, der Helfer und Mittler, der An­walt und Berater. Es ist der Geist der Wahrheit, der uns die Augen öffnet für den gegenwärtigen Herrn und für Gott, den Vater, der uns in Jesus aufleuchtet. Der Geist hebt den Schleier auf, der über aller Wirklichkeit liegt, und lässt uns die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind. Er unterstützt uns auf unserem Weg des Aufwachens und des wachsenden Bewusstwerdens. Durch den Beistand des Heiligen Geistes bleibt Jesus bei uns. Der Geist verge­genwärtigt uns Jesus. In ihm ist Jesus bei uns und in uns. Das größte Geheimnis des Heiligen Geistes ist, dass Jesus´in uns wohnt. Unsere Liebe zu Jesus wird erst durch den Beistand möglich. Denn im Heiligen Geist ist Jesu Liebe in uns und in seiner Liebe der Vater, die Quelle aller Liebe: »Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.« (14,23) In diesen Worten vollendet sich die persönliche Beziehung zu Jesus und durch und in ihm zu Gott. Johannes will hier keine Wesensaussage über den dreifaltigen Gott machen, son­dern einfach die Wirklichkeit Jesu meditieren. Der Gipfel der Meditation ist die Erfahrung, dass Jesus, der jetzt beim Vater in der Herrlichkeit wohnt, zugleich im Heili­gen Geist auch in uns wohnt. Er hat Wohnung bei uns ge­nommen, eine Wohnung, die auch durch den Tod nicht mehr zerstört werden kann.

Der Geist ist die bleibende Gegenwart Jesu unter uns und in uns. Jesus lässt uns nicht als Waisen zurück. Er bleibt auf neue Weise in uns und bei uns. Er ist uns sogar näher als während seines Lebens auf Erden. Denn jetzt wohnt er in unseren Herzen. Wenn Jesus die Jünger nicht verlassen hätte, wären sie in Gefahr gewesen, ihr Selbst auf ihn zu projizieren. Dann wären sie nicht weiter ge­gangen auf ihrem Entwicklungsweg. Da Jesus sie verlässt, müssen sie ihr wahres Selbst im eigenen Innern finden. Der Heilige Geist führt die Jünger zu dem Christus, »der in der Seele wohnt und von dem sie niemals getrennt wer­den können.« (Sanford z, S. 157) Das Verlassen Jesu be­fähigt uns zu einer tieferen Gemeinschaft mit ihm. Jetzt können wir nicht mehr von ihm getrennt werden. Er ist mit uns zusammengewachsen. Er ist uns innerlicher, als wir uns selbst sind. Der Geist drückt die neue, innige Ge­meinschaft mit Jesus aus. Jesus verlässt uns nicht, wie etwa Sokrates seine Jünger verlassen und sie als Waisen zurückgelassen hat. Jesus lebt. Er ist auferstanden, und er gibt uns Anteil an diesem göttlichen Leben, das die Welt nicht versteht und nicht sieht. Ostern heißt, dass Jesus durch den Geist als Leben erweckende Macht unter und in uns ist. Der Auferstandene ist im Geist schon unter uns und wird uns nie mehr verlassen. Der Geist ist die göttli­che Zukunft, die kein Ende haben wird. Die Gottesge­meinschaft, in die wir durch den Geist hineingeführt wur­den, wird durch den Tod nicht zerbrochen, sondern in ihrer ganzen Fülle offenbar. Für Johannes besteht der Kern des Christentums im staunenswerten Wunder der Ankunft Gottes bei den Menschen. Gott ist durch Jesus in den Menschen eingegangen und ist und bleibt für alle Zukunft in ihm anwesend. Das zu meditieren, wird Jo­hannes nicht müde. Die Abschiedsreden umkreisen dieses Thema von allen Seiten, damit der Leser immer mehr zu glauben vermag: Gott ist in ihm, und er ist in Gott. Jesus ist das Wunder der Gegenwart Gottes im Menschen. Der Beistand vermittelt uns diese bleibende Gegenwart. Er öffnet den Raum unseres Herzens, damit der Vater und der Sohn darin Wohnung nehmen können. Wenn Gott in uns wohnt, dann vermögen auch wir, in uns selbst zu wohnen, bei unserem wahren Selbst anzukommen und in uns selbst daheim zu sein.

(Anselm Grün)

Irisches Segensgebet

Mögest du stehen bleiben und sehen,
wie das Licht fällt und die Felsen glühen,
und möge Gott dich mit
kleinen, großen Momenten segnen,
die dein Herz zum Tanzen bringen.
Momenten, in denen du plötzlich aufmerksam wirst
auf all die überwältigende Schönheit
und Wunder und Fülle und Liebe
gerade da, wo du dich gerade aufhältst,
Momente, in denen du dich umsiehst und erkennst:
Gottes Reich ist jetzt.

Neil Paynter

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