Offener Bibelkreis

Nächste Termine (Treffen jeweils im Pfarrhof Hausen, Beginn: 20.00 Uhr):

  • 16. November 2017
  • 07. Dezember 2017

Gedanken zu 27. Sonntag A, Mt. 21,33-46

Das Gleichnis vom Weinberg
21,33: Die Einleitung des Gleichnisses erinnert mit der Beschreibung des Weinbergs an das Lied vom Weinberg bei Jesaja (Jes 5,1-7), der statt süßer Trauben nur saure Beeren bringt. Bemerkenswert ist sowohl bei Matthäus als auch bei Jesaja die aufmerksame Fürsorge, mit der der Weinbergbesitzer seinen Weinberg pflegt. Doch während bei Jesaja sich der Freund selbst um seinen Weinberg kümmert, gibt der Weinbergbesitzer im Gleichnis den Weinberg zur Pacht an die Winzer und verreist sogar. Die Leser können schon hier durch diese veränderte Einstellung feststellen, dass Matthäus zwar das bekannte Motiv vom Weinberg, für den sein Eigentümer alles getan hat, aufnimmt, dann aber wichtige Änderung vornimmt.

Während im Weinberglied bei Jesaja sich Weinberg auf Israel bezieht (Jes 5,7), ist bei Jesus mit dem Weinberg das Reich Gottes gemeint (21,43). Bei Jesaja geht es in erster Linie um das Fruchtbringen, genauer um das Bringen von süßen Trauben, also von sehr guten Früchten, bei Matthäus spielt zwar auch das Fruchtbringen eine Rolle, der Akzent liegt jedoch auf dem üblen Umgang der Winzer mit den Sklaven und dem Sohn des Weinbergbesitzers. Diese andere Akzentuierung wird auch im Schicksal des Weinbergs bei Jesaja und im Schicksal der Winzer bei Matthäus deutlich: bei Jesaja nimmt der Weinbergbesitzer dem Weinberg seinen Schutz und seine Fürsorge, so dass der Weinberg verkommt; bei Matthäus hingegen sorgt sich der Weinbergbesitzer weiterhin um seinen Weinberg, denn er nimmt ihn den bösen Winzern weg, gibt ihn an andere Winzer und bestraft zudem die bösen Winzer für ihr schlechtes Verhalten. Auch wenn es gewisse Parallelen aufgrund des gleichen Motivs und des Weinbergbesitzers als Handelnden gibt, müssen die Leser dieses Gleichnis als ein anderes Gleichnis neu verstehen.

21, 33-35; Die beginnende Handlung im Gleichnis leitet Matthäus mit dem Hinweis sein, dass die Zeit der Früchte nahe kam; die aufmerksamen Leser werden hier schon eine Anspielung an das Reich Gottes entdecken, das in der Verkündigung des Johannes (3,2) und auch in der Verkündigung Jesu (4,17) mit demselben Wort angesagt wird: nahe gekommen, ist das Königreich der Himmel. Der Weinbergbesitzer schickt nun seine Sklaven aus, um von den Winzern die Früchte des Weinbergs zu holen. Auch hier bemerken die Leser die Akzentverschiebung, dass es nicht um die Früchte geht, sondern um das nun folgende Geschehen. Die Winzer misshandeln die Sklaven des Weinbergbesitzers in übelster Weise. Hier kann man eine Parallele stehen zu den Propheten sehen, die misshandelt und getötet wurden.

21,36: Der Weinbergbesitzer reagiert weder mit Zorn noch Strafe, sondern schickt einfach nur eine weitere und größere Gruppe von Sklaven. Doch mit der nächsten Gruppe verfahren die Winzer ebenso brutal. Ein Motiv für dieses Handeln der Winzer wird nicht genannt, sondern erscheint es unverständlich und böse.

21,37-39: Der Weinbergbesitzer bestraft die Winzer immer noch nicht für ihr Handeln, sondern schickt nun seinen Sohn, in der Hoffnung, dass er respektiert wird und nicht ebenso behandelt wird wie die Sklaven.
Wenn die Leser im Sohn des Weinbergbesitzers Jesus sehen, lässt sich auch das zuletzt erklären: nämlich nicht als „endgültig“ oder „als letzten“, was in der Auslegungsgeschichte dazu führte, dass dieses Gleichnis auf eine definitive Verwerfung Israels interpretiert wurde, sondern als „nun schließlich“ oder als „zuletzt“ in Bezug auf die Gegenwart der Zuhörer gesehen.
Die Winzer erkennen den Sohn als den Erben des Weinbergs, doch statt ihn zu respektieren, beschließen sie, ihn zu töten, denn sie wollen sein Erbe behalten. Damit ist auch die Motivation für das Handeln der Winzer klar: sie möchten nicht etwa nur die Pacht nicht zahlen oder nur dieses Mal die Ernte für sich behalten: sie wollen vielmehr das gesamte Erbe, d.h. den ganzen Weinberg. Wenn der Weinberg da Reich Gottes ist (21,43), möchten die Winzer demnach das Reich Gottes für sich allein, nach ihren eigenen Vorstellungen und außerdem möchten sie das Reich Gottes ohne den Sohn Gottes und ohne Gott Früchte zu geben.
Weil das Reich Gottes erst begonnen hat und grundsätzlich „offen“, also nicht „definiert“ ist, ist es auch für Interpretationen offen; daher gibt es immer auch andere Vorstellungen was und wie dieses Reich sein könnte. Die Winzer werfen den Sohn aus dem Weinberg hinaus und töten ihn. Für einen Moment haben sie tatsächlich ihr Ziel erreicht, denn sie haben den Sohn aus dem Weinberg beseitigt und den Weinberg in
Besitz genommen. Da aber der Weinberg das Reich Gottes symbolisiert, kann Jesus ja nicht aus dem Reich Gottes „hinausgeworfen“ werden.

Schlussfolgerungen
21,40-41: Jesus fragt die Zuhörer nach ihrer Vermutung, wie der Herr des Weinbergs nun dem Winzern verfahren soll. Die Bezeichnung Herr des Weinbergs statt zuvor ein Mensch, ein Hausherr (21,33) deutet an, dass Gott gemeint ist. Die Antwort geben sie allein, also generell die Zuhörer, die noch nicht näher bestimmt sind. Die Hohenpriester und Pharisäer erkennen erst später- als Signal für den Leser-, dass auch sie mit den Gleichnissen gemeint sind (21,45).
21,42-44: Dass der Vater das Töten seinen Sohnes nicht einfach nur hinnimmt, sollten die Zuhörer aus den Schriften wissen. Durch den Verweis auf den Psalm identifiziert Jesus die Bauleute mit den bösen Winzern und den verworfenen Stein mit dem hinausgeworfenen und getöteten Sohn des Weinbergbesitzers. Der Herr- gemeint ist Gott, lässt den verworfenen Stein dann vor aller Augen zum Hauptsein werden, d.h. zu tragenden Stein. Durch den Osterblick verstehen die Leser dies als Hinweis auf die Auferstehung und Erhöhung Jesu.

21.45-46: Jetzt erst fügt Matthäus die Information ein, dass die Hohenpriester und Pharisäer erkennen, das auch sie mit den Gleichnissen- also auch mit den zuvor erzählten Gleichnissen gemeint sind. Dieser Hinweis gilt natürlich den Lesern, damit sie die entsprechenden Beziehungen herstellen und nicht nur die jüdischen Autoritäten, sondern auch Jesus in diesen Gleichnisreden wieder erkennen: dann nämlich wird unser Text zu einer weiteren Ankündigung von Leiden, Tod und Auferstehung.
Dass sich diese Gleichnisse nicht ausschließlich auf die Hohenpriester und Pharisäer beziehen und deshalb auch nicht als Selbstverurteilung oder Verwerfung Israels gedeutet werden kann, liegt in ihrer Sache begründet: Gleichnisse sind prinzipiell offen und können auf jede andere Situation übertragen werden. Die Gleichnisse können genau der Gemeinde des Matthäus und uns heute gelten. Wen sich die Hohenpriester und Pharisäer in den Gleichnissen wieder finden, haben sie sie verstanden; ihre negative Reaktion zeigt, dass sie sich wohl zu denen rechnen, die nicht genügend Früchte bringen. Die Hohenpriester und Pharisäer versuchen Jesus zu ergreifen, fürchten jedoch die Volksmengen. Matthäus deutet damit den sich langsam immer stärker zuspitzenden Konflikt zwischen Jesus und den jüdischen Autoritäten an. Das Schicksal der Sklaven beschreibt nicht nur das Geschick der Propheten, sondern allgemein das Geschick derer, die sich für das Reich Gottes einsetzen. Die „bösen Winzer“ sind also nicht nur die jüdischen Autoritäten der Zeit Jesu, sondern auch heute diejenigen, die ihre eigene Vorstellung vom „Reich Gottes“ auf Kosten anderer verwirklichen wollen.
Auch heute stoßen Menschen, die sich für das Reich Gottes einsetzen auf Widerstand. Ihnen ergeht es wie dem Sohn des Weinbergbesitzers. Das Gleichnis von den „bösen“ Winzern erzählt vor allem von Gott und vom Reich Gottes (21,43): die Gläubigen dürfen darauf vertrauen, dass Gott sich um sein Reich kümmert. Das Reich Gottes wird trotz "Misswirtschaft“, Misshandlungen der Boten Gottes und Töten seines Sohnes immer weiter bestehen- und es wird den Menschen gehören, die Gott ihre Früchte bringen.

Gebet:
Du Christus jedes leidenden Herzens, segne uns,
wenn wir anfangen aufzuwachen und mehr und mehr zu erkennen,
dass du lebendig und gegenwärtig bist in Gefolterten, Verfolgten, Ausgebeuteten, Gefangenen, Missbrauchten, Verlassenen, den zum Schweigen gebrachten. Amen                               
 (Peter Millar)