Offener Bibelkreis

Nächste Termine (Treffen jeweils im Pfarrhof Hausen, Beginn: 20.00 Uhr):

  • 07. Dezember 2017
  • 11.Januar 2018

Gedanken zu Mt 25,1-13 32. Sonntag zu 27. Sonntag A

Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen

Man kann das Gleichnis auf verschiedene Weise ausle­gen. Ich kann es verstehen als Schilderung des letzten Ge­richts oder meiner Begegnung mit Christus, dem Bräuti­gam in meinem Tod. Dann will mich das Gleichnis ermahnen, bewusst zu leben und wachend das Kommen des Herrn zu erwarten.

Ich kann es aber auch auslegen auf das Kommen Jesu in jedem Augenblick. Wenn Jesus kommt, dann feiert er Hochzeit mit mir, dann werde ich ganz eins mit mir selbst, dann werden die Gegensätze in mir: Mann und Frau, Licht und Dunkel, Tag und Nacht, Gott und Mensch mit­einander eins. Dann feiere ich das Fest der Selbstwerdung und der Einswerdung mit Gott. Das ist das Ziel unseres Lebens. Es ist geprägt von Freude, von Fest und Feiern. Das Gleichnis beschreibt uns den Weg zum Fest unserer Selbstwerdung.

Zehn Jungfrauen machen sich auf den Weg, um den Bräutigam abzuholen und zur Braut zu führen. Sie neh­men Fackeln mit, wohl Gefäßfackeln, »bei denen auf einer Stange ein Feuergefäß aufgesteckt war, in dem ver­mutlich ölgetränkte Lappen brannten«. Die­se Fackeln hatten eine kurze Brenndauer. Man musste ständig Öl nachgießen, damit sie länger brannten. Die Jungfrauen warteten mit ihren Fackeln vermutlich im Haus der Braut. Als nun der Ruf erschallt, dass der Bräu­tigam kommt, machen sie ihre Fackeln zurecht. Da erst merken die törichten Jungfrauen, dass sie kein Öl mitge­nommen haben. So können ihre Fackeln nicht brennen oder nur ganz kurz. Die Exegeten, die von Öllampen aus­gehen, deuten diese Szene so, dass die Öllampen die ganze Zeit gebrannt haben. Die törichten Jungfrauen ha­ben einfach nicht mit der Verzögerung des Bräutigams ge­rechnet. Die anderen Exegeten meinen, die Jungfrauen hätten erst beim Ruf, dass der Bräutigam kommt, ihre Fackeln angezündet. Dabei merkten die törichten Jung­frauen, dass sie kein Öl dabei hatten. Sie hätten den Tanz bei der Abholung des Bräutigams gar nicht zu Ende tan­zen können. Im ersten Fall bezieht sich das Törichtsein auf das Nichtrechnen mit der Verzögerung der Wieder­kunft Christi. Im zweiten Fall würde töricht sein heißen: gedankenlos in den Tag leben, nicht sorgfältig mit dem umgehen, was für meine Aufgabe wichtig ist, die Fackeln nur halb ausstatten, unzuverlässig sein. Ich schließe mich der zweiten Meinung an. Die klugen Jungfrauen bereiten sich sorgfältig für den Brauttanz vor, die ändern nur schlampig und halbherzig.

Die Gegenüberstellung von klug und töricht ist typisch für Jesu Gleichnisse. Da ist der kluge und der törichte Mann, der sein Haus auf den Felsen bzw. auf Sand baut. (7,2.4-2.7) Da ist der törichte reiche Mann, der nicht mit seinem frühen Ableben rechnet. (Lk 12,16-21) Das griechische Wort für töricht »moros« heißt: »stumpfsinnig, dumm«. Es bezeichnet ein Handeln, das der Sache nicht angemessen ist, einen Man­gel an vernünftiger Überlegung. Torheit kann eine Macht sein, die den Verstand verwirrt und den Menschen zu wahnwitzigem Verhalten verleitet. Das griechische Wort für klug, »phronimos«, kommt von »phrenes = Zwerchfell, das Innere des Menschen, Be­wusstsein, Verstand«. Die klugen Jungfrauen sind also die, die sich von ihrer inneren Einsicht leiten lassen, die einen gesunden Menschenverstand haben.. Wer besonnen ist, der richtet seinen Sinn auf das Göttliche. Im Gleichnis sind die törichten Jungfrauen die, die ihre Augen vor der Wirklichkeit verschließen, während die klugen Jung­frauen die Lage richtig einschätzen. Für sie ist die äußere Realität ein Bild für die innere Wirklichkeit, für ihre Be­ziehung zu Gott.

Wenn Jesus sein Gleichnis auf dem Hintergrund jüdi­scher Hochzeitsbräuche erzählt, haben die Zuhörer si­cher die Ohren gespitzt, denn die Erzählung von einer Hochzeit lässt bei jedem Zuhörer das Herz höher schla­gen. Jesus zieht die Zuhörer mit seiner Art zu erzählen in Bann. Doch dann verfremdet er die Hochzeitsszene. Er provoziert seine Zuhörer. Er macht sie hellhörig und bei manchem erzeugt er Ärger, wenn er auf einmal davon spricht, dass die klugen Jungfrauen sich weigern, den törichten von ihrem Öl zu geben. Noch heute reagieren viele Hörer auf diese Verhaltensweise der klugen Jung­frauen sofort mit einer moralischen Verurteilung. Warum teilen die klugen Jungfrauen ihr Öl nicht mit den törich­ten? Das ist doch Egoismus. Sie hätten doch ihre Freude mit den anderen teilen sollen. Jesus beurteilt aber das Verhalten der klugen Jungfrauen nicht. Es ist einfach so. Jesus appelliert mit dem Gleichnis an die Zuhörer: »In dem Augenblick, auf den alles ankommt, könnt ihr euch nicht auf die anderen verlassen. Wenn ihr unbewusst lebt, dann könnt ihr euch nicht damit herausreden, dass die anderen euch die Augen öffnen.« Es ist ein Mahngleich­nis, das ähnlich wie ein Mahntraum zu deuten ist. Da wird nicht das Verhalten anderer gerechtfertigt, sondern die Konsequenz des eigenen Verhaltens aufgezeigt. Wenn ich unbewusst in den Tag hinein lebe, dann stehe ich im entscheidenden Augenblick mit leeren Händen da.

Seit jeher haben sich die Ausleger Gedanken gemacht, wie man das Öl deuten solle. Viele deuten Öl als die guten Werke, die zum Glauben (dafür stehen die Fackeln) hin­zukommen sollen. Augustinus deutet das Öl als die Ge­sinnung, aus der heraus der Christ handeln soll. Das Öl ist für ihn Bild für die Liebe. Die Gesinnung kann ich mit anderen nicht teilen. Die klugen Jungfrauen können den törichten nicht von ihrer Liebe mitteilen. Ich kann Brot und Wein mit anderen teilen, weltlichen und geistlichen Besitz. Aber ich kann meine eigene Gesinnung nicht dem anderen aufdrängen. Sie ist Aufgabe jedes Einzelnen. So ist für Augustinus das Gleichnis Mahnung, in uns die Liebe zu wecken, die schon in uns ist, von der wir aber oft genug abgeschnitten sind. Eine Frau, die über das Öl in ihrem Leben nachgedacht hat, meinte in einer Runde: Mit Öl werden die Speisen verfeinert, und mit Öl salbe ich meinen Körper. Sie sah im Gleichnis die Erlaubnis Jesu, sich selbst etwas zu gönnen, gut mit sich umzugehen und nicht ständig mit einem schlechten Gewissen herum­zulaufen. Jeder wird das Öl anders deuten, je nachdem, welche Erfahrung er damit gemacht hat. Und es ist legitim, dass jeder sich von seinem Erfahrungshorizont aus in das Gleichnis hineinmeditiert. Die klugen Jungfrauen verweisen die törichten auf die Händler, bei denen sie das Öl kaufen sollen. Seit Augustinus wird diese Aufforderung der klugen Jungfrauen iro­nisch verstanden. In der Nacht gibt es gar keine Möglich­keit, bei den Händlern einzukaufen. Da sind die Läden verschlossen. Dann würde Jesus mit diesem Bild sagen: Im entscheidenden Augenblick können wir nicht kaufen, was wir nie in uns entwickelt haben. Die Liebe lässt sich nicht kaufen. Sie muss in uns wachsen. Wir müssen an ihr arbeiten, damit sie all unser Handeln bestimmt. Andere Exegeten gehen davon aus, dass bei einer Hochzeit das ganze Dorf auf den Beinen und es daher auch möglich sei, bei Händlern Öl zu kaufen. Dann wäre allein das Motiv der Verspätung tragend. Wenn ich nicht im Augenblick lebe, wenn ich mich nicht klug auf das einlasse, was ge­rade dran ist, dann komme ich für das Entscheidende im Leben zu spät.

Die törichten Jungfrauen stehen vor verschlossenen Türen. Das jüdische Hochzeitshaus steht normalerweise für alle Gäste offen. Da kann man zu jeder Zeit kommen. Das Motiv der verschlossenen Tür und des Zuspätkommens verfremdet also die Erzählung von der Hochzeit. Aber es sind wichtige Motive, die häufig in unseren Träu­men auftauchen: Zuspätkommen bedeutet im Traum, dass ich noch in Problemen meiner Vergangenheit hänge, dass ich noch zu sehr mit den Verletzungen der Ver­gangenheit beschäftigt und so unfähig bin, im Augenblick zu leben. Und verschlossene Türen weisen darauf hin, dass ich keine Beziehung habe zu meinem Inneren, zu meinem wahren Selbst. Im Judentum sind die verschlos­senen Türen sprichwörtlich für verpasste Gelegenheiten. Wenn ich von Zuspätkommen und von verschlossenen Türen träume, bedeutet das nie, dass das so sein muss. Es sind vielmehr Mahnträume, die mich auffordern möchten, aufzuwachen, mich auf den Augen­blick einzulassen und in Berührung zu kommen mit mei­ner Seele und meinem Herzen. Wenn ich zu lange unbe­wusst draußen in der Welt herumlaufe, ohne Beziehung zu meinem Selbst, dann kann es sein, dass es irgendwann einmal zu spät ist. Ich bin so sehr von mir getrennt, dass ich keine Beziehung mehr aufbauen kann. Damit es nicht so weit kommt, erzählt Jesus dieses Gleichnis.

Wir sollen wachsam sein, im Augenblick sein. Wir sol­len die Augen öffnen, damit wir die Wirklichkeit erken­nen, wie sie ist. Und wir sollen klug sein. Die Klugheit wird von den Kirchenvätern dahingehend verstanden, dass wir die Worte Jesu nicht nur hören, sondern sie auch befolgen. In diesem Sinn hat Matthäus das Gleichnis Jesu vom klugen Mann, der sein Haus auf den Felsen baute, an den Schluss der Bergpredigt gesetzt. Für Matthäus be­deutet christliches Leben nie nur, irgendwelchen Ideen zu folgen, sondern konkret im Alltag die Worte Jesu zu er­füllen und ihnen mit Werken der Liebe zu antworten. Glaube und Werke gehören für Matthäus zusammen. So entfaltet er uns eine andere Theologie als Paulus. Er setzt einen Akzent, den er seiner Gemeinde immer wieder in Erinnerung ruft. Der Glaube braucht Ausdruck, sonst zerfließt er.

Gebet
Hilf uns, ganz im Jetzt zu sein. Das ist das Einzige, was wir haben, und immer darin sprichst du, Gott, zu uns.
Hilf uns, an dem Ort ganz präsent zu sein, wo wir sind. Hilf uns ein wenig Raum zu finden, den wir nicht sofort wieder mit unseren eigenen Einfällen und Vorstellungen ausfüllen. Amen

(Richard Rohr)